Nervenkitzel in Phnom Penh

‚Do you want to play a game?‘ Ich bin nicht ganz sicher, ob ich gemeint bin. Ich höre nochmals dieselbe Frage und ein kindlich-freundliches ‚Hello‘! Und da steht tatsächlich ein kleiner Junge hinter meinem Stuhl und bittet mich mit ihm das Kartenspiel ‚The Dutch Blizz‘ zu spielen. Wir sitzen im Artillery-Café in Phnom Penh, der kambodschanischen Hauptstadt. Das Artillery ist ein klassisches Café westlicher Prägung von denen es in Phnom Penh unzählige gibt, nicht nur auf Grund der knapp 100-jährigen französischen Kolonialzeit, sondern auch weil ‚Vegan‘, ‚Eco‘,‘ Homemade‘ & Co. Trend sind, der bei den wohlhabenden Großstädtern und Touristen gleichermaßen gefragt ist. Um ehrlich zu sein, bin ich von diesem Trend durchaus überrascht! In Phnom Penh hatte ich ja eher mit vielem gerechnet, was wir bisher in asiatischen Grossstädten kennengelernt hatten. ‚Hoffentlich will der Knirps kein Geld‘, habe ich für einen Moment im Kopf.‘ Und da sind sie wieder, die negativ besetzten Erwartungen, die einem bei einer Recherche über Kambodscha in den Kopf gepflanzt werden – TukTuk-Mafia, Motorradgangster, Überfälle, Trickbetrügereien & Co. Bisher haben wir davon noch nichts mitbekommen, vielleicht hatten wir bisher auch nur Glück! Und um das Glückskonto weiter etwas aufzufüllen, verliere ich artig die ersten beiden Runden ‚The Dutch Blizz‘ gegen den kleinen Kush. Etwas später erzählt uns Kush’s Mutter, eine gebürtige Amerikanerin im kambodschanischen ‚Exil‘ von ihrem kontrastreichen Leben, u.a. auch in Phnom Penh. Kontraste, Paradoxes und Widersprüchlichkeiten begegnen uns hier ständig! Wir erwarten die erwähnten Touristen-Fallen, bekommen aber fast überall Freundlichkeit geschenkt, sei es an den diversen Street-Kitchens, an denen aller Hand – von Dried Beef, Würstchen bis hin zu diversen Innereien und Embryonen – gegrillt und frittiert werden und an denen wir mit großer Unsicherheit stehen. Unsicherheit gibt es jedoch auch auf der anderen Seite – auf die Nachfrage, was die frittierte Kugel sei, ernten wir auf dem Nachtmarkt von Phnom Penh schon mal ein asiatisch weggelächeltes ‚Maybe Egg‘. Später erfahren wir, dass es sich hier um einen fermentierten und frittierten Enten-Embryo gehandelt hat. 

Kambodscha: Die 'Food-Area' auf dem Nachtmarkt von Phnom Penh

Die ‚Food-Area‘ auf dem Nachtmarkt von Phnom Penh

Kambodscha: Auf dem Night Market von Phnom Penh

Auf dem Night Market von Phnom Penh


Dasselbe Bild auch an den kleinen Strassenständen an denen auf einmal mindestens 4 Passanten, die zusammen wenigstens einige Worte Englisch sprechen und somit zwischen den Verkäuferinnen und uns für den Kauf von 6 Bananen verhandeln können. Eine der schönsten Begegnungen bleibt sicherlich ein Abendessen in einem kambodschanischen Street-Kitchen-Restaurant, in dem uns der Wirt, nachdem wir alle unsere bestellten Speisen aufgegessen hatten, noch 3 Probiergänge auf den Tisch stellt! Breit grinsend kommt er immer wieder vorbei und stellt uns schelmisch mit den Worten: ‚You really must try this!‘, den nächsten Gang hin – das alles natürlich gratis, trotz mehrfachem Protestieren. Diebisch freuen sich die meisten Kambodschaner auch, wenn wir sie mit einem freundlichen ‚Suasdey‘ begrüßen oder mit ‚Akhun‘ unseren Dank zum Ausdruck bringen können. Dennoch ist in Kambodscha sicherlich nicht alles eitel Sonnenschein – dafür ist dieses Land schlichtweg zu arm und immer noch geschädigt sowie paralysiert von der Schreckensherrschaft unter Pol Pot und seinen roten Khmer: Menschen leben auf der einen Seite in selbstgebauten Wellblech-/Papp-‚Häusern‘ und kochen Wasser und Essen auf der Straße während auf der anderen Seite große Autos durch die Stadt fahren, moderne Cafés und coole Boutiquen wie Pilze aus dem Boden schießen und an jeder Ecke so viel gegessen werden kann, wie man möchte. Ein Kambodschaner erzählt uns, dass sein Land sogar Lebensmittel überproduziert. Und nicht nur das mutet etwas seltsam und nachdenklich stimmend an, sondern auch die Tatsache, dass die offizielle Landeswährung, der kambodschanische Riel, eigentlich keinen Wert hat. Denn hier, in einem Land, das während des Indochina- sowie des Vietnam-Kriegs stark unter US-Bombardements gelitten hat, zählt paradoxerweise fast nur der US-Dollar als Zahlungsmittel. Dabei sprechen die Kambodschaner ‚ihr‘ Zahlungsmittel fast schon amerikanischer, und zwar ‚Dullar‘ aus, als die Amerikaner selbst. Kleinigkeiten, egal ob Zahnpasta, Armbänder oder Wasser kosten unisono 1 ‚Dullar‘. Vor allem dadurch wird uns Kambodscha als das ‚One-Dollar-Country‘ in Erinnerung bleiben. 

Kambodscha: Alles kostet einen Dollar - in Kambodscha

Alles kostet einen Dollar – in Kambodscha


Auch durch das Wetter werden wir Zeuge des One-Dollar-Country. Nachdem wir aus dem sonnigen und heißen Laos angekommen waren, hatten wir ähnliches Wetter erwartet. Doch in Kambodscha regieren Schwüle, monsunartiger Regen und Hitze – und das im Wechsel. An unserem ersten Abend in Phonm Penh hält uns dieser Regen für geschlagene 2 Stunden unter einem der großen Zelten der Food-Area des Nachtmarkts gefangen. Nachdem immer mehr Zelte unter den auf sie herabprasselenden Wassermassen beginnen einzustürzen, kaufen wir uns vorsichtshalber von einer herbeigeeilten Ponchoverkäuferin zwei Regenponchos für je einen 1 Dollar. Diese Ponchos entpuppen sich als gelbgepunktete Müllsäcke im Poncho-Schnitt. 

Kambodscha: Monsunartiger Regen in Phnom Penh

Monsunartiger Regen in Phnom Penh

Kambodscha: 1 Dollar für einen Regenponcho

1 Dollar für einen Regenponcho


Die 2 KM zu unserem Guesthouse schaffen wir trotz dieser perfekten, wetterfesten Schutzkleidung nicht. Schlussendlich entscheiden wir uns für ein TukTuk, das uns durch die vollkommen überfluteten Straßen Phnom Penhs nach Hause fährt! 

Trotz allem wird uns Phnom Penh in guter Erinnerung bleiben, auch wenn sich uns sein Reiz erst viel zu spät erschließt – vermutlich erst als die vielen positiven Begegnungen die anfängliche Skepsis bedeckt haben. Auch können wir leider nicht alle Sehenswürdigkeiten, die Phnom Penh zu bieten hat, sehen. Den Königspalast mit der bekannten Silberpagode sowie den Central Market lassen wir aus. Dafür sehen wir am Flussufer des Tonle Sap den Kambodschanern beim Abendsport zu: Aerobic, Krafttraining oder Strassen-Fußball – hier findet das Leben draußen statt! Ein besonderes, wenn auch trauriges Highlight sind die Zeugnisse der Terrorherrschaft der Roten Khmer: Das Tuol-Sleng-Gefängnis und die Killing Fields von Choeung Oek machen uns vor allem betroffen, traurig und sprachlos. Am besten plant man für diese beiden Stätten einen kompletten Besichtigungstag ein. Erholung und gute Gedanken sind danach bitter nötig – und diese schenken uns an diesem Abend dafür der freundliche Street-Kitchen-Gastwirt sowie der kleine Kush und seine Mutter. Wir sind schon ganz gespannt auf unsere nächste Kambodscha-Erfahrung: Siem Reap und die Tempel und Städte des sagenumwobenen Angkor!  

Kambodscha: Das Kambodschanische Unabhängigkeits-Monument

Das Kambodschanische Unabhängigkeits-Monument

Kambodscha: Im Tuol-Sleng-Gefängnis

Das Königs-Denkmal in Phnom Penh

Kambodscha: Im Tuol-Sleng-Gefängnis

Im Tuol-Sleng-Gefängnis

Kambodscha: Die Gasse in der sich das Artillery-Café befindet

Auf den Killing Fields von Choeung Oek

Kambodscha: Die Gasse in der sich das Artillery-Café befindet

Die Gasse in der sich das Artillery-Café befindet

Kambodscha: Am Flussufer des Tonle Sap

Am Flussufer des Tonle Sap

Kambodscha: Phnom Penh bei Nacht

Phnom Penh bei Nacht

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