Eine Recherche zum Reiseland Nepal ergibt heutzutage vor allem eines: 9.000 Tote, 600.000 eingestürzte Häuser, das große Erdbeben vor eineinhalb Jahren, das ganz Nepal zerrüttet hat, dominiert in der Presse und in den digitalen Medien.
Tatsächlich ist davon noch immer einiges zu bemerken, wenn man durch das Land reist. Schutthaufen, die noch nicht aus der Stadt wegtransportiert werden konnten, weil das Geld fehlt oder Strassen zu eng sind. Tempel, die sich noch im Wiederaufbau befinden. Und Menschen, die in Zelten oder Wellblechhüten leben müssen.


Umstände, die für uns Europäer kaum denkbar sind und dennoch sind wir froh, das wir uns davon nicht haben abbringen lassen, nach Nepal zu reisen. Denn auch wenn man den Nepalis nachsagt, dass sie Meister im Hinnehmen schwieriger Lebensumstände sind, so ist es doch erstaunlich zu sehen, wie sie nicht nur mit diesem schweren Trauma und deren Folgen umgehen, sondern noch viel mehr sich auch nicht davon in die Tiefe reissen lassen, dass sie auch politisch – sowohl von der eigenen Regierung, als auch den Nachbarländern Indien und China zum Teil schwer gebeutelt werden – und das auch unabhängig von bzw parallel zu der Erdbebenkatastrophe.
Nepalis behalten sich aber ihr Lächeln und ihre Fröhlichkeit und machen das beste daraus. Zu erleben ist dies an jeder Ecke im Rahmen der Improvisionskunst – ob baulicher, handelstätiger, kommunikativer oder kulinarischer Art. Eine eingeschränkte Stromverfügbarkeit mit zum Teil täglichen Stromausfällen über mehrere Stunden beispielsweise wird dadurch umgangen, dass die Nepalis ihre Stromkreise so einstellen, dass ihre Stromquellen bewusst am Tag über einige Stunden nicht „funktionieren“ (ja, auch Kühlschränke), um die Ausfälle zumindest nachts gering zu halten. Insbesondere vor dem Hintergrund, das der Strom zwar in Nepal gewonnen, dann aber teuer an Indien verkauft und dann in großen Teilen wieder nach Nepal umgeleitet und dort noch teurer verkauft wird, ist das schon eine beachtenswerte Leistung.
Die Nepalis aber sind eine Art Lebenskünstler und nehmen die Situationen wie sie kommen. Wenn ausreichend Wasser da ist, wird es genutzt, und man stellt sich einfach gemeinsam unter den Gartenschlauch an der Hauptstrasse, für eine erfrischende Dusche. Das eigene Haus wird nicht selten umgebaut, um selbiges als Guesthouse oder Restaurants Touristen zugänglich machen zu können und ein kleines Nebengeschäft zu eröffnen. Das besondere für die Touristen dabei ist, die sich so ergebende Nähe zu der gesamten Familie. Das Leben findet in Nepal gemeinsam statt und die Familie hat hierfür einen sehr hohen Stellenwert. Da wird schon mal das Familienwohnzimmer zum Restaurant samt Speisekammer und Rümpelkammer und wenn es in der Küche keinen Stromanschluss mehr gibt, schließt man den Reiskocher einfach auch dort mit an.
Nichtsdestotrotz sehnen sich die Nepalis jedoch nach Entwicklung. Der Tourismuszweig ist neben der Agrarindustrie hierbei für Nepal der zweitwichtigste Industriezweig. Die Arbeitslosigkeit insbesondere unter jungen Nepalis ist jedoch leider hoch und viele Einheimische Junge wandern ab ins Ausland und arbeiten dort. Die Chance auf ein höheres Einkommen, in Verbindung mit einer besseren Lebensqualität zählt.
Die jungen Nepalis greifen hierfür vielmals auf das Erlernen neuer Fremdsprachen als Basis für einen Start ins bessere Leben zurück! Deutsch, Französisch, Chinesisch oder Italienisch und natürlich ein gutes Englisch sind dafür die Favoriten. Sprachen liegen den Nepalis ja eh, die meisten sprechen von Haus aus mindestens 3 Sprachen fliessend um in ihrem Heimatland und den unterschiedlichen Regionen, die jeweils von verschiedenen Kasten und damit anderen Sprachen dominiert werden, zurecht zu kommen. Das große Thema Kastensystem ist ein weiteres historisches Grundproblem, mit dem viele (vor allem die niedrigeren Kasten) Nepalis ihr Leben lang zu kämpfen haben. Für uns Ausländer ist dies ehrlich gesagt kaum bemerkbar gewesen. Insbesondere auf dem Berg haben alle einen sehr respektvollen Umgang miteinander gepflegt und die unterschiedlichen Herkünfte (und Kasten) waren wenn überhaupt nur durch Aussehen und Kleidung erkennbar. Unser Guide beispielsweise hat sich vom Träger zum Guide hochgearbeitet, hat Deutsch gelernt obwohl er halber Analphabet ist und pflegt gute Kontakte zu vielen weiteren Guides und Trägern. Offiziell ist eine Diskriminierung aufgrund der Kasten eines Menschen in Nepal auch nicht erlaubt, im Alltag – so haben wir uns das sagen lassen – spielt dies aber dennoch weiterhin eine Rolle. Wir wünschen den Menschen sehr, dass sich das zukünftig weiter aufweicht und Menschen vor allem Menschen sein dürfen.
Daneben ist uns vor allem die Umweltverschmutzung, der viele Müll und das unreine Wasser vor Ort nahe gegangen. Die Berge von alldem ausgeschlossen (dort oben ist quasi das Paradies) sind vor allem die städtischen Umgebungen schmutzig und zugemüllt mit Plastik, Dreck und Essensresten. Es gibt zudem kein funktionierendes Abwassersystem, sondern das Abwasser wird in weiten Teilen den örtlichen Flüssen zugespielt. Es gibt dann an den Flüssen zum Teil Aufbereitungsanlagen, hinter denen nach nur wenigen Kilometern oft das nächste Dorf wartet, um das Abwasser wieder hinein zu leiten, im Fluss zu baden oder die Wäsche zu waschen. In Nepal sollte man im ganzen Land (auch auf dem Berg) also nur Wasser aus abgepackten Flaschen oder gefiltertes Wasser trinken und fürs Zähne putzen verwenden. Auch in Restaurants ist darauf zu achten, das diese mit sauberen Wasser arbeiten – fürs kochen, sauber machen, Eiswürfel usw. Sehr schade – denn so blieben uns die vielen Garküchen auf der Strasse, die wir in Südostasien so lieben gelernt haben, leider verwehrt. Die Nepalis haben sich nach eigenen Aussagen an die lokale Wasserqualität gewöhnt und trinken auch Leitungswasser, das dies auf Dauer nicht für eine gesündere Gesellschaft sorgen kann, dürfte dennoch jedem klar sein.
Veränderungen, vor allem nachhaltige Veränderungen, stellen sich aktuell allerdings leider nur sehr schwer abbildbar dar. Nepal ist endlich eine Demokratie, aber leider noch weit entfernt davon auch als solche zu funktionieren. Die Regierung setzt sich alle 3-6 Monate neu zusammen, es gibt keine Handlungsfähigkeit durch diese ständigen Regierungswechsel. Hinzu kommt eine große Politikverdrossenheit, die nicht zuletzt auch durch die starke Abhängigkeit zu den Nachbarländern China und Indien verstärkt wird. Getoppt wird all dies durch die durchdringende Korruption aller öffentlichen Ämter und Positionen: Politiker, Polizei und Behörden. Nach Aussagen einiger Nepalis beeinträchtigt dieser Fakt das Alltagsleben und die Entwicklung des Landes am deutlichsten und die Einheimischen werden hierdurch weiterhin klein gehalten.
Liest man all das und erfährt man all dies vor Ort, so ist es ganz schön deprimierend zu sehen, welche Zusammenhänge da bestehen und wie langwierig sich hier wohl eine Entwicklung in Richtung Moderne in Gesundheitssystem und Logistik, Bildung und Politik wahrscheinlich darstellen wird. Gleichzeitig merkt man nochmals mehr wie klein unsere vermeintlich großen Probleme in Deutschland doch sind. Das schönste dabei ist die immerwährende Fröhlichkeit und Lebensfreude der Nepalis, die wir ebenfalls gerne als Eindruck mit nach Deutschland nehmen und von der Deutschland einige Schippen gut vertragen konnten.



Für uns steht jedenfalls fest: wir kommen wieder und begeben uns nochmals auf eine Trekkingtour – dann auf eine etwas längere und höhere Tour, hoffentlich mit weniger Stufen. 🙂