Nepal: Stufe für Stufe auf dem „Dach der Welt“

Unser dritter Trekkingtag ist beendet, wir sitzen in dem Panorama-Raum unserer heutigen Hütte, die erneut auf über 2.720 m liegt. Nach einem traumhaften Trekkingtag bei bestem Wetter und blauesten Himmel prasseln nun Regen und Hagel auf das Blechdach des Raumes und Holzofengeruch liegt uns in der Nase. 

Weil der Raum alles andere als abgedichtet ist gegen Kälte, sitzen alle Gäste, Guides und Träger um den Holzofen herum um möglichst viel Wärme abzubekommen – alle dick eingepackt. 

Die Szenerie ist irgendwie romantisch, zeigt aber dennoch auch die Kontraste auf, die Nepal uns in den letzten Tagen so oft bewiesen hat. Natürlich ist es schön, das alle beieinander sitzen und die Müdigkeit vom Tag geniessen und die Gedanken schweifen lassen, beim Blick auf Berge, Wolken und Regen… Das es in der „Lodge“ nur 1 Ofen und dazu aber haufenweise zugige Fenster und Türen hat, zeigt die so oft improvisierte Infrastruktur in dirsem Land. Es gibt eine Dusche für alle Gäste, die mit Gasflamme betrieben wird und das Wasser entweder richtig heiss (hier gibt es dann keinen Kompromiss) oder richtig kalt werden lässt. Das Waschbecken befindet sich in der Regel outdoor und ist ebenfalls für alle Gäste gedacht. Dafür gibt es aber einzelne Zimmer für alle und nicht so wie bei uns – Matratzenlager mit 80-100 Personen in einem Zimmer. Abgesehen von der Dichtigkeit der Zimmer im Hinblick auf Kälte und Wind haben wir die Unterkünfte auf dem Berg bisher in ähnlichem Standard wie wir ihn bei uns in Deutschland oder in Österreich erleben, kennengelernt. Mit den für uns wirklich überraschenden Unterschieden, das es auf über 3.100 m überall funktionierendes Wifi und auch Telefonnetz gibt. Wir haben uns sagen lassen, das dies auch für Berghöhen von über 5.000 m gilt. Natürlich ist die Nutzung idR nur gegen ein kleines Entgelt möglich – einmal als zusätzliche Einnahmequelle erkannt, wurde die Infrastruktur dafür wohl gerne hergestellt. In unseren Augen ist dies nachvollziehbar und auch völlig ok. Wenn „diese komischen Touristen“ auf dem Berg wirklich Internet wollen und alle auch dafür bereit sind, einen EUR zu zahlen, dann why not?

Ein weiterer großer Unterschied zu den uns bekannten Bergen ist, dass man sich auch auf 2.720 m noch umgeben von einer Vielzahl an Bäumen und dichtem Wald befindet. Die letzten Meter bis zu unserer Unterkunft haben sich eher danach angefühlt, das wir in den Tropen trekken und nicht auf dem ‚Dach der Welt‘ in Nepal sind. Die Baumgrenze beginnt hier – anders als bei uns – erst bei über 3.000 m. Das ist schon ein beeindruckendes Bild.

Beeindruckend waren unsere ersten Trekkingtage definitiv auch darüber hinaus. Alleine der Ausblick auf Berge, die über 7.000 oder wahlweise über 8.000 m hoch sind, ist schlichtweg beeindruckend. Diese Vielzahl an Bergen dieser Grösse, die man hier bei gutem Wetter von nur einem Standpunkt aus gleichzeitig sehen kann, das erlebt man sicher nur hier in Nepal. Die Landschaft ist (besonders jetzt, kurz nach der Monsun-Zeit) durchgehend kräftig grün, sehr abwechslungsreich, mit Reisfeldern und anderen Anbaufeldern durchsetzt. Die Nepalis sind lebensfroh und sehr freundlich. Insbesondere hier in den Bergen sind alle sehr offen und nett – solange es die Sprachbarriere zulässt. Wenn man davon ausgeht, mit wie wenig die Einheimischen – sowohl finanziell als auch ganz allgemein betrachtet – auskommen müssen, ist dies wirklich sehr beeindruckend. Erstaunlich ist auch die „manmade-Logistik“ hier oben in den Bergen. Anders als bei uns gibt es hier keine Materialseilbahnen für den Transport von Lebensmitteln oder ähnlichem. An Spül- oder Waschmaschinen ist genausowenig zu denken, wie an Küchenhilfen wie Konvektomaten & Co. Helikopter sind für den Materialtransport nicht erlaubt – Hintergrund ist die Jobsicherung für Träger und Müli- bzw. Yak-Treiber. Mülis sind eine Kreuzung aus Eseln und Pferden und sie sind die Tragetiere hier oben, um alles (wirklich alles) hier auf die Berge zu bringen. Gekocht wird alles auf Gas, gewaschen natürlich per Hand – sowohl die Wäsche, als auch das Geschirr für alle täglichen Gäste. Beeindruckend. 


Nicht ganz so begeistert waren und sind wir – für uns echt überraschend – von dem Großteil der Wanderwege auf unserem Trek. Die meisten Wege sind handmade (ja, auch hier heisst das alles wurde von Mülis geschleppt) und nicht sehr naturbelassen. Sie bestehen aus Steinstufen, sowohl im Auf-, als auch im Abstieg. Gestern hiess dies bei 1.600 zu überwindenden Höhenmetern im Aufstieg: 4.500 zu besteigende Stufen! So sind wir also ca 4,5 von 5,5 Std vor allem Treppen gestiegen. Natürlich mit beeindruckenden Aussichten und bei schönstem Wetter, aber es hat dem „Wandererlebnis“ schon einen kleinen Abbruch getan. Aber gut, 1 Tag geht das schon mal – so unser Resümé nach dem gestrigen Tag. (Davon abgesehen war der Tag ja eben auch wirklich toll!) 
Leider ging es heute aber ähnlich weiter. Es ging schon sehr früh – um 5:00 Uhr – im Licht unserer Stirnlampen los auf die ersten 400 Höhenmeter. Ziel war der Aussichtspunkt Poon Hill von dem man einen grandiosen Blick auf viele der höchsten Berge der Welt hat, um dort den Sonnenaufgang zu beobachten. Die 400 HM bestanden dann grösstenteils also wieder aus Stufen. Somit waren unsere ersten 1,5 Wanderstunden heute (samt Rückweg) also erneut durch Treppensteigen bestritten. Als wir nach einem stärkenden Frühstück unsere nächste Etappe starteten und wir erneut die ersten Stufen bestiegen, waren wir ehrlicherweise so langsam etwas genervt. Umso mehr haben wir jedes noch so kurze Stück Naturweg „gefeiert“ und waren letztlich umso zufriedener, als die Stufen nach nur 30 Min endlich ihr Ende fanden und wir den Rest des Tages ENDLICH Waldwege begehen durften. Es ging auf und ab, durch Wald, Hänge nach oben oder am Kamm entlang und wir waren in unserem Element – endlich! 🙂 



Der Hintergrund der Stufen ist relativ einfach: die Wandersaison in Nepal ist relativ kurz: zum einen 2 Monate im Herbst – direkt nach der Monsunzeit und zum anderen 3 Monate im Frühjahr – also direkt nach der Schneezeit. Diese kurze, aber für Nepal so wichtige Zeit, muss also möglichst komplett ausgeschöpft werden. Nicht begehbare Wanderwege (wegen Matsch, Überflutung oder ähnliches) bedeutet sehr große Einkommenseinbrüche und eine weitere Verschlechterung der Arbeitslosigkeit. 

Um das zu verhindern tun die Nepalis alles daran, ihren ausländischen Gästen ein nachhaltig schönes Urlaubserlebnis in ihren Bergen zu zu zaubern. Natürlich im Rahmen ihrer oben beschriebenen Möglichkeiten, aber es wirkt: hier oben ist es deutlich sauberer und man sieht abseits der Wege zum Glück kaum herumliegenden Müll. Das Essen ist gut und bekömmlich und es gibt reichlich Auswahl – für die Vielzahl der hierher reisenden chinesischen Touristen in der Regel auch chinesische Speisen. Auch an Bier, Softdrinks und Knabbereien können sich die Touristen – so denn gewollt – satt essen und trinken. Und nicht zuletzt sorgen natürlich Guides und Träger für jeden möglichen Komfort und den interkulturellen Austausch. Unser Guide spricht Deutsch – er hat dieses in nur 25 Unterrichtsstunden erlernt und verbessert es seither im täglichen Austausch mit seinen Gästen. Oft bestehen weiterhin Sprachbarrieren, aber es ist schon sehr erstaunlich über welche Themen wir uns in Deutsch mit ihm austauschen können – mit nur 25 Unterrichtsstunden. Er berichtet neben den Trekdetails über die nepalesische Kultur und Natur, wir fragen ihn aus zu den lokalen Gegebenheiten und er erzählt uns von den Problemen der lokalen Politik. Uns wird es schon fast zu viel, wie uns gefühlt jeder Wunsch von den Augen abgelesen wird. Aber auch hier gilt: sie sind froh, diesen Job machen zu dürfen und einen solchen durch die Anwesenheit der Touristen zu haben. Das gilt auch für unseren Träger, der sehr zufrieden und mit einem ewigen Lächeln unsere 16 kg Gepäck trägt (wir haben extra aufs Minimum reduziert). Wir haben bis heute noch ein schlechtes Gewissen, jemand anderen unser Gepäck tragen zu lassen – aber auch hier gilt, das dies einen ganzen Berufsstand bildet. Für unsere Tour beispielsweise würde man sicher ohne Probleme ganz allein zurecht kommen: ohne Guide und ohne Träger, aber: man würde dann auch 2 Arbeitskräfte weniger beschäftigen und natürlich hätte man dann weit weniger Nähe zu Nepal, die es für uns aber wiederum zu einer so besonderen Reise macht.

Veröffentlicht in: Nepal

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