So ist der Iran – wirklich?!

Ein Trupp junger Polizisten rückt an und löst die Menschenmenge unter der Brücke ruppig auf – und wir sind mittendrin! Es ist 23:30 Uhr, Freitagabend, das iranische Wochenende klingt aus. Der Störenfried – er hatte unter der Brücke ein Lied gesungen bei dem seine Zuhörer mitsangen und -klatschten – wird im Geleit der 6 grün-uniformierten unter lautstarken Diskussionen und mit sarkastischem Grinsen wegeskortiert. Wieder bildet sich eine Menschentraube – dieses Mal um die Polizisten herum. Wie gebannt starren wir auf diese nächtliche Eskalation! ‚Welcome to Iran?!‘ Ist das vielleicht der wirkliche Iran – außerhalb von familiärer Gastfreundschaft, Herzlichkeit und Freundlichkeit?! Haben wir dieses Land bisher nur aus der Sicht unserer kleinen familiären Enklave kennengelernt?! In diesem Moment gehen uns viele Gedanken durch den Kopf – vielleicht sogar kurzzeitig auch die Idee, recht schnell die prächtige Khaju-Brücke in Mitten von Isfahan in Richtung Hotel zu verlassen. Doch wir bleiben! 


Genau hier, in Isfahan, der vielleicht aus Ihrer Historie heraus bedeutendsten und freisten Stadt des Iran, haben wir zum ersten Mal nicht das Gefühl in der islamischen Republik zu Gast zu sein. Hier wirken die Menschen nochmals freier, fröhlicher und kosmopolitischer als in den anderen Teilen des Landes. Gefühlt sitzen hier auch die Kopftücher der Frauen lockerer: dabei sind es nicht nur die in- und ausländischen Touristen, die in der bekannten Universitäts- und Handelsstadt einen Hauch von Freiheit und Demokratie versprühen. 


Es sind auch Szenen wie wir sie aus Europäischen Städten kennen: Auf dem weitläufigen, anmutigen und prächtigen Imam-Platz sehen wir eine Gruppe von weiblichen und männlichen Studenten, die laut lachend ein Pantomime-Spiel spielen. Direkt vor der Imam-Moschee üben junge BMX-Biker Tricks wie Wheelies & Co. Von Polizei, Repression und grimmig dreinblickenden Mullahs keine Spur! 

Die Meinung von den Mullahs ist ohnehin nicht allzu hoch in der ‚islamischen Republik‘ Iran. In Yazd beispielsweise erzählt uns ein Reiseführer, dass er vier Dinge nicht ausstehen könne – Fliegen, Schlangen, Hitze und Mullahs. Er beklagt auch weiterhin, dass seine Stadt Yazd seit Beginn der islamischen Revolution immer ärmer und hässlicher geworden sei. Aus seiner Sicht fehlen Geld, Investitionen und Arbeitsplätze. Das vorhandene Geld verwenden die Mullahs wohl ausschließlich für 3 Dinge – Essen, Schlafen und ‚persönliche Vergnügungen‘, verrät uns augenzwinkernd einige Tage später ein Teheraner Geschäftsmann im Ruhestand, den wir im Persian Golf Complex, einer der größten Shopping Malls im nahen und mittleren Osten, in der Nähe von Shiraz treffen. Nachts um 22 Uhr ist – außer im vollkommen überdimensionierten Supermarkt – auch hier nicht mehr allzu viel los. Draußen warten die Falafel-Verkäufer, drinnen verabschieden uns Khomeini und Chameinei unter strengen Blicken! Am alkoholfreien Malz-Bier kann es sicher nicht gelegen haben. 


Doch wie steht es um die Jugend? Viele von ihnen äußern ihren Unmut durchaus offen: In Persepolis wird sehr rüde, offen und mit deutlichen Worten über den Islam und die Geistlichen geschimpft, die teilweise nationales Eigentum zerstören würden. Dasselbe gilt auch für unsere Begegnungen in Isfahan. Dort sehen wir einen jungen Mann, der in einer Moschee von den Mullahs gestifte Süssigkeiten, vor den Augen eines Geistlichen auf den Boden spuckt. Sicherlich ein Einzelfall – dennoch auch ein Form von Protest! 

Der Protest gegen Regime, Repression und Regulierung scheint allgegenwärtig, wenn auch etwas verdeckter, dezenter und subtiler als wir es aus unseren freiheitlichen Gesellschaften in Europa kennen. Er äußert sich meistens in der sukzessiven Adaption anderer, u.a. westlicher Lebensformen, dem bewussten Umgehen von Regeln oder stillem Ungehorsam. 


In Isfahan wurden wir am selben Abend ein weiteres Mal Zeugen einer solcher Situation. So schnell der ’singende Störenfried‘ von der Polizei festgesetzt wurde, so schnell ist er auch wieder auf seiner Bühne unter der Khaju-Brücke zurück. Doch nun ist er nicht mehr alleine! Es kommen neue, andere Sänger hinzu und geben – anfangs nervös, später immer selbstbewusster – ihr Liedgut, meistens poetische Lieder bekannter persischer Dichter, manchmal aber auch Stücke mit dezent politischem Inhalt zum Besten. Auch wenn für uns die Melodien, die Sprache sowie der Ausdruck dieses Protests fremd anmuten, schaffen diese eine ganz besondere Atmosphäre, geben Jung und Alt Hoffnung sowie vieles von dem zurück, was Ihnen vor fast 40 Jahren genommen wurde – wenigstens für einige Minuten! Mit einem der Sänger, einem jungen Elektrotechniker kommen wir später ins Gespräch. Er berichtet uns über die Lieder sowie deren Inhalte. Letztlich führt er aus, dass sich die ‚Brückensänger‘ von Isfahan jede Nacht zum gemeinsamen Singen treffen. Auf unserem Weg nach Hause begegnen wir nochmals der Polizei. Dieses Mal sitzen die Brückenwächter in ihren kleinen beleuchteten Containern und beschäftigen sich tief vornübergebeugt mit ihren Handys! Vielleicht auch eine Form von Protest?! 

Veröffentlicht in: Iran

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